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Box, Paddock, Aktivstall… Weidegang, Führmaschine, Laufband… Kraftfutter, Heu, Zusatzfutter… Was, wieviel, wovon ist gut fürs Pferd? Die richtige Haltung – und was das richtige Management mit Tierschutz zu tun hat:

Pferde sind unsere Partner, mit denen wir gemeinsam Sport betreiben. Allerdings beruht die Partnerschaft nicht nur darauf, das Pferd zu satteln und loszureiten. Oberste Prämisse ist, dass das Pferd gesund ist und bleibt. Die Gesunderhaltung ist Tierschutz! Wird ein Pferd nicht optimal gehalten, wird es krank – mental und/oder physisch.

Was „optimal“ in diesem Fall bedeutet, kann man nicht an einer stringenten Linie festmachen. Optimal ist eine Haltungsform dann, wenn sie den individuellen Bedürfnissen des Pferdes gerecht wird. Es sind fünf grundlegende Dinge, die Pferde brauchen: Bewegung, Licht, frische Luft, qualitativ gutes Futter und soziale Kontakte. Nur: Jedes Pferd braucht unterschiedlich viel davon.

Nicht jede Haltung geeignet für jedes Pferd

„Nicht jedes Pferd fühlt sich in einem Offenstall wohl!“, gibt die BBR-Delegierte Inken Schillings zu Bedenken. „Für manche Pferde ist da der Stressfaktor zu hoch, sie sind rangniedrig und kommen nicht zur Ruhe. Eine halb offene Box ist an sich eine gute Sache und die meisten Besitzer finden sie wahrscheinlich super, sie kann für ein Pferd aber auch Stress bedeuten. Genauso gibt es Pferde, die es nicht stört, den ganzen Tag bei Wind und Wetter draußen zu sein, anderen wiederum reicht es nach ein paar Stunden auf dem Paddock und sie wollen wieder in ihre Box, weil sie sich dort wohler fühlen. Manche sind in einem Aktivstall genau richtig aufgehoben, andere in einer Paddockbox. Das muss für jedes Pferd einzeln entschieden werden. Immer mit Blick auf das Pferd, nicht auf die Bedürfnisse des Besitzers oder der Besitzerin!

Jede Haltungsform ist nur so gut, wie das Pferd damit zurechtkommt. Man sollte sich loslösen von der eigenen Wunsch Haltungsform und den eigenen Bedürfnissen. Man sollte eine Haltung immer mit dem Ziel wählen, die Bedürfnisse des Pferdes bestmöglich zu erfüllen – für die Kombination Pferd, Besitzer und gewünschter Einsatz. Abhängig ist das natürlich immer von den Möglichkeiten, die ich habe. Und ein Offenstall bedeutet beispielsweise oft eine Menge Arbeit, das darf man nicht vergessen. Um Selbstversorger zu sein, muss man auch die Zeit dafür haben.“

Unsere Pferde seien nicht mehr eins zu eins mit einem Wildpferd gleichzusetzen, so Schillings. Sie seien mittlerweile ganz anders sozialisiert. „Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass sich eine Herde in der Natur selbst findet, und in den Ställen bestimmen wir die Herden. Da muss man flexibel bleiben und reagieren, wenn klar wird, dass die Herdenzusammenstellung nicht passt. Das gilt für eine Herde einer Weide, aber auch für Boxennachbarn beispielsweise.“

Das richtige Maß an Bewegung und Futter

In den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten heißt es: „Sowohl bei Einzelhaltung als auch bei Gruppenhaltung ist auf das soziale Gefüge und die Verträglichkeit der Pferde untereinander Rücksicht zu nehmen. Dies gilt auch für rasse-, alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede.“ Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die ganze Haltungsform geändert. Von der Ständer- zur Boxenhaltung, von Innenzu Außenboxen und von „den ganzen Sommer draußen, den ganzen Winter drinnen“ zu einer ganzen Palette an Möglichkeiten: Paddockboxen, Weidegruppen, Sommerweide und Winterkoppel, Führmaschinen, Offen- und Aktivställe.

Es gibt keine Betriebe mehr, in denen die Pferde 23 Stunden am Tag in der Box stehen müssen. Da hat ein Umdenken stattgefunden. Nun gilt es, das richtige Maß für sein Pferd zu finden. Dazu gehört zu erkennen, wie viel Bewegung das Pferd braucht und in welchem Rahmen, wie viel Bedürfnis es nach Ruhe hat und welche sozialen Kontakte es braucht. Das richtige Maß braucht es auch bei der Fütterung. In den Ställen stehen haufenweise Eimer, Schüssel und Becher und da wird Abend für Abend Futter, Pulver und Pellets gemischt und noch eine extra Portion Heu und Stroh beschafft – meistens ist es zu viel von allem. „Das Angebot an Futtermitteln ist ja ein ganz anderes als früher“, so Pferdewirtschaftsmeisterin Schillings.

Gut gefüttert ist halb geritten?

„Es gibt Futter für Fohlen, für Senioren, für Shettys und Isländer … Es gibt Sommermash und Wintermash und Sportmüslis noch und nöcher … Nur: Die wenigsten reiten sportlich! Sie sind sich dessen aber nicht bewusst. Frei nach dem Motto: Gut gefüttert, ist halb geritten. Mit Futter verbindet man auch schnell das Gefühl von ,Ich will meinem Pferd etwas Gutes tun‘ und meint es dann schlicht zu gut. Jeder, der sich ein Pferd anschafft, sollte mit einem Fachmann oder einer Fachfrau besprechen, welchen Futterbedarf sein Pferd hat. Man kann eine Futterberatung buchen und/oder eine Blutanalyse machen lassen. Eine große Auswahl an Futter zu haben, ist ja an sich super. Man muss eben nur wissen, was wovon und wieviel man nehmen sollte. Energiearmes Futter ist gut für ein Pferd, das energiearm geritten wird.“

Als Pferdewirtin oder Pferdewirt hat man jeden Tag Umgang mit unterschiedlichen Pferden, so kann man ein gutes Auge dafür entwickeln, wie der Futterzustand eines Pferdes ist, wie es und was es frisst und wenn sich etwas verändert. Früher noch viel häufiger vertreten waren die Futtermeister – Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung, die ein Gespür dafür haben, was und wie viel Futter ein Pferd braucht. Mittlerweile gibt es Futtermeister nur noch in den Landgestüten. Bei der bestmöglichen Haltung geht es immer um das „Gesamtpaket Pferd“.

 

Das richtige Management

Angefangen bei der Haltungsform und dem Stallklima, über Bewegung, Ruheverhalten, Fütterung und Pflege bis hin zu regelmäßigen Check Up-Untersuchungen, Zahnkontrollen, Impfungen und Entwurmen durch den Tierarzt sowie die Hufpflege durch den Hufschmied. Wie wichtig beispielsweise letzteres ist, steht ebenfalls in den Leitlinien: „Hufe sind regelmäßig auf ihren Pflegezustand zu prüfen und so zu pflegen, dass die Gesunderhaltung gewährleistet ist. (…) Kürzen der Hufe, Verändern der Hufstellung und Hufform, Auswahl und Anbringung von Hufeisen und anderen Hufschutzmaterialien können erhebliche Konsequenzen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Pferde haben.“ Fohlen und Jungpferde sollten an den Umgang mit Menschen, das Anbinden, Führen und Hochheben der Hufe gewöhnt werden. Man muss durch sinnvolle Pflege für das Wohlbefinden des Pferdes sorgen – auch das beschreiben die Leitlinien. Manipulationen an Haaren, die funktionaler Teil des Organismus sind (z. B. Tasthaare) oder besondere Schutzfunktionen haben (z. B. Haare in den Ohrmuscheln), sind ohne veterinärmedizinische Indikation tierschutzwidrig.

Beim Waschen der Pferde sollte darauf geachtet werden, dass die natürliche Schutzfunktion von Haut und Fell erhalten bleibt. „Das ganze Management muss stimmen, damit das Pferd gesund und leistungsfähig bleibt“, bringt es Inken Schillings auf den Punkt. „Dafür muss man das Pferd im Blick haben. Das haben im Zweifel die Betriebsleiter und die Stallangestellten mehr als die Besitzer selbst, weil sie das Pferd täglich kontrollieren können, den ganzen Tag mit ihm umgehen, es füttern, rausstellen, in die Führmaschine bringen usw. Die bekannte Devise ist, ein unerfahrener Reiter sollte nicht auf ein unerfahrenes Pferd – er sollte aber auch nicht in einen Stall mit unerfahrenem Personal. Man sollte sich einen Betrieb suchen, der professionell und mit Fachwissen geführt wird, am besten mit jahrelangen Erfahrungswerten. Und dann muss einem auch klar sein, dass das seinen Preis hat!“

 

Tierschutz ist auch eine Sache des Geldes
Ulrike Lautemann

 

Dem pflichtet Pferdewirtschaftsmeisterin Ulrike Lautemann bei: „Wenn ich einen Betrieb führe, muss ich einen Preis aufrufen, um das auch richtig machen zu können. Und ich brauche Kunden, die das bezahlen. Tierschutz ist auch eine Sache des Geldes, das muss man so sagen. Wir haben die Pferde verändert, die Haltung verändert und trotzdem gibt es Sollstände, die wir erfüllen müssen. Manchmal passt das Pferd nicht in den Geldbeutel rein – das gehört auch zur Wahrheit dazu.“ Das Management eines Pferdes ist komplex. Um es vernünftig umzusetzen, braucht es Fachwissen und Erfahrung. In den meisten Ställen ist das Klientel belesen, wissbegierig und ausgiebig informiert über Print- und Soziale Medien, Internetforen und das, „was man so hört“.

Den Überblick von „außen“ behalten

Viele Reiter und Reiterinnen schaffen aber auch ihre eigenen Fakten und sind oft gleichzeitig überfordert. Da ist es Aufgabe eines ausgebildeten Pferdewirts oder einer Pferdewirtin, dieses Wissen richtig zu kanalisieren, die tatsächlichen Fakten aufzuzeigen und den Blick des Kunden auf das Pferd zu schulen – und auch immer selbst das Pferd aufmerksam zu beobachten. Der Pferdebesitzer muss bereit sein, Verantwortung zu teilen beziehungsweise abzugeben, und der Fachmann oder die Fachfrau muss Verantwortung übernehmen und den Überblick behalten. Manche Entscheidungen lassen sich besser mit emotionalem Abstand fällen, wenn es nicht um das eigene Pferd geht. „Wenn man sieht, dass etwas nicht in die richtige Richtung geht, muss man klare Worte finden“, so Inken Schillings. „Man muss sagen, wenn das Pferd zu dick ist oder mehr Bewegung braucht … Und dann gemeinsam nach Lösungen suchen.“

Ulrike Lautemann betont: „Viele Menschen übersehen die Ansprüche eines Pferdes, da sind wir Berufsreiter die Adapterstücke. Zum Wohle des Pferdes und für den Tierschutz.“

 

erschienen im St.GEORG 2/2022