Das Pferd gesund erhalten – das ist nicht nur am Boden die Devise, sondern vor allem auch im Sattel. Denn richtiges Reiten ist praktizierter Tierschutz! Ein Plädoyer für eine pferdegerechte Ausbildung
Wer in den Sattel steigt, geht nicht nur einem Beruf oder einer Freizeitbeschäftigung nach. Wer ein Pferd trainiert, hält es auch gesund. Vorausgesetzt, das Training ist fachlich korrekt, systematisch, sinnvoll und im Sinne des Pferdes aufgebaut. „Die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes müssen im Einklang stehen mit dem, was wir gemeinsam mit dem Pferd tun“, betont Hannes Müller, BBR-Vorstandsvorsitzender und langjähriger Ausbildungsleiter der Deutschen Reitschule in Warendorf.
Er sagt: „Der Satz ,Richtig reiten reicht‘ bringt es auf den Punkt – aber: Was ist eigentlich richtig? Das ist in der deutschen Reitlehre detailliert beschrieben. Sie geht absolut d’accord mit der Wissenschaft und beschreibt die Anatomie in Verbindung mit der Lerntheorie und dem Lernverhalten. Immer mit dem Ziel, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es so lang wie möglich gesund bleibt. Eine Orientierung dabei bietet die Skala der Ausbildung: also das rhythmische Gehen in altersgemäßer Haltung und mit Dehnungsbereitschaft, mit Schub nach vorn, das Überwinden der Naturschiefe und das Entwickeln des Beugegangs im Zuge der Versammlung. Das ist unser roter Faden für die Ausbildung, aber auch für jede Reitstunde und für jede Turnierprüfung.“
Was kann ich von meinem Pferd fordern?
Im Grunde geht es in jeder Disziplin darum, die Voraussetzungen, die das Pferd körperlich mitbringt, mit der individuellen Vorstellung des Reiters oder der Reiterin der gemeinsamen Freizeitgestaltung in Einklang zu bringen. Und das Pferd mental und physiologisch so zu trainieren, dass es Leistung erbringen kann, ohne Schaden zu nehmen. Wie das systematisch und langfristig funktioniert, lernen Pferdewirte und Pferdewirtinnen in ihrer Ausbildung und mit jedem Tag, den sie mit den Pferden arbeiten. Dieses Wissen zu transportieren, ist Hauptbestandteil des Berufs. Denn die grundsätzliche Frage sollte immer sein: Was kann ich von meinem Pferd fordern? Das gilt es einzuschätzen mit allen Aspekten, die dazu gehören: Aufzucht, Wachstum, Gesundheit, Veranlagung, Potenzial, Leistungsbereitschaft …
„Tierschutz heißt auch, dass der Tierbesitzer angeleitet wird und ich die richtigen Ratschläge gebe“, erläutert der BBR-Delegierte Hendrik Gäbel. „Ich als Fachmann muss ein Pferd so ausbilden, dass jeder Laie damit unter Anleitung klarkommt. Und dann muss ich den Menschen und das Pferd auf ihrem gemeinsamen Weg begleiten. Das ist der Sinn des Berufsstandes. Lieber vermittele ich kein Pferd, als dass der Reiter nicht zum Pferd passt. Auch das ist Tierschutz. Auf lange Sicht fährt man damit besser. Ich handhabe das schon immer so, kommuniziere das auch und habe eine transparente Kostenstruktur. Meine Kunden tragen das mit. Denn am Ende des Tages geht es einzig und allein um das Pferd. Alle sportlichen Erfolge stehen hinten an. Ich mache das, weil ich Pferde mag.“
Praktizierter Tierschutz
Mit fachgerechter Ausbildung ist Reiten praktizierte Physiotherapie und praktizierter Tierschutz. Wer ein Pferd vernünftig trainieren möchte, muss es altersgemäß, entsprechend seines Exterieurs und seiner Veranlagung ausbilden, und er braucht einen Plan – für die Woche und den Monat, für die Saison und die Wettbewerbe, die man bestreiten möchte. Das Trainingsprogramm sollte durchdacht und abwechslungsreich aufgebaut sein. Longieren, ausreiten sowie Stangen und Cavaletti-Training sollten für jedes Pferd jeder Disziplin zum Pflichtprogramm gehören. Man muss den Überblick behalten, das große Ganze (wo möchte ich hin?), aber auch immer die Tagesform im Blick haben und das Training dementsprechend anpassen. Bei aller Planung werden im Laufe der gemeinsamen Zeit auch immer wieder Schwierigkeiten auftreten, im Umgang oder unter dem Sattel. Da ist es am Fachmann oder der Fachfrau zu begleiten und zur Seite zu stehen. Denn ein guter Ausbilder trainiert nicht nur, er nimmt Gedanken und Sorgen ernst, begleitet und beschreitet einen gemeinsamen Weg.
„Die Laien in den Ställen sind auf sich allein gestellt und Selbstreflexion ist für viele schwierig“, gibt Hannes Müller zu bedenken. „Hinzu kommt, dass leider viele Gurus herumlaufen und ihr vermeintliches Wissen für teuer Geld verkaufen. Da muss ich als Berufsreiter mit meiner Expertise eingreifen, im Sinne des Pferdes. Denn wir müssen verlangen, dass jeder grundsätzlich weiß, wie ein Pferd ,funktioniert‘, um Tierschutz wirklich leben zu können.“ Dem Pferdewirtschaftsmeister ist auch noch ein weiterer Punkt wichtig anzumerken: „Alles, was wir tun, muss mit der Natur des Tieres in Einklang sein, aber auch mit der des Menschen! Damit meine ich Eckart Meyners Bewegungslehre, die darauf abzielt, Pferd und Mensch gemeinsam in Einklang zu bringen und dabei genauso auf die physiologischen Voraussetzungen des Reiters eingeht.“
Ausbildung versus Sport?
„Wenn ich in der Ausbildung versuche, etwas manipulativ zu erreichen, wenn ich Teile auslasse, vielleicht auch, weil die Zucht das temporär möglich macht – das ist der Punkt, an dem etwas schiefläuft“, betont Hannes Müller. „Da müssen wir mit unserem Know-how ran. Es ist an uns, die angemessene Arbeit auszuwählen. Wir tun immer so, als ob jeder und jede die Reitlehre verinnerlicht hat – aber das sind oft Lippenbekenntnisse, entweder aus Unwissenheit oder aus wirtschaftlichen oder zeitlichen Gründen. Alles in der deutschen Reitlehre ist nachvollziehbar, aber wir erklären das zu wenig. Wir müssen richtig umsetzen, wie Ausbildung gehen kann und wir müssen lehren, was ein Pferd für Bedürfnisse hat und was wir von ihm fordern können.“
Um Situationen im Training und auf Turnieren besser einschätzen zu können, hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) einen Kriterienkatalog entworfen. Darin wird beschrieben, woran man festlegen kann, ob ein Missstand vorliegt, ein Kommunikationsproblem oder eine falsche Hilfengebung und ob und in welchem Umfang ein Reiter oder eine Reiterin angesprochen werden sollte. „Die Regeln der Ausbildung sind leider nicht immer auch die Regeln des Sports. Da sind Brüche drin“, so Hannes Müller. „Wenn ich nur mehr Go haben will für mehr Punkte, habe ich ein Spannungsfeld. Da fehlt häufig die Sensibilität oder die Öffentlichkeit, oder beides. In den meisten Fällen rechtfertigt der Erfolg die Strategie. Da begrüße ich doch sehr, dass es solche Entwicklungen wie die Auszeichnung für pferdegerechtes Abreiten gibt. Denn was geprüft wird, wird geübt. Dieser Prozess ist in Gang, aber den müssen wir weiter und nachhaltig stärken!“
Reitlehre als Korsett
Die deutsche Reitlehre, die klassische Ausbildung ist so konzipiert, dass sie für jedes Pferd, unabhängig von dessen Ausbildungsstand, Alter, Rasse oder den physiologischen Voraussetzungen angewendet werden kann. „Jedes Pferd hat das Recht, vernünftig ausgebildet und gefördert zu werden – egal, ob auf E-Dressur-Niveau oder im Grand Prix“, betont Hendrik Gäbel.
„Die klassische Ausbildung ist ein Korsett. Aber nicht eines, in das man reingequetscht wird, sondern eines, das uns stützt und in dem jeder seine Form finden kann. Die ersten sechs Monate der Ausbildung eines jungen Pferdes sind entscheidend für den weiteren Weg, den das Pferd geht. Schaffe ich eine Vertrauensbasis und hat das alles Hand und Fuß, kann ich weiter darauf aufbauen. Wenn ein Pferd beispielsweise aufgeregt und abgelenkt ist, dann muss ich es so nehmen, wie es ist und mich darauf einstellen – auch das ist Tierschutz. Ich finde es aber auch wichtig zu sagen, dass ich als Berufsreiter offen sein sollte für einen Erfahrungsaustausch. Wenn man mit seiner Methode nicht weiterkommt, sollte man auch mal links und rechts schauen, sich nicht zu schade sein, auch Disziplinfremde zu fragen.“
Kriterienkatalog der FN
Die FN hat einen Kriterienkatalog entworfen, „der unterschiedliche Situationen gewissenhaft, fachgerecht und sachgerecht einordnet, um das Zusammenwirken ebenso wie die Auseinandersetzung von Pferd und Mensch im Positiven (= pferdegerecht) sowie im Negativen (= nicht pferdegerecht) beurteilen zu können. (…) Das Miteinander von Pferd und Mensch ist ein sich ständig neu formender und entwickelnder Prozess, dessen Ziel das weitestgehend konfliktfreie Miteinander beider Lebewesen ist. Dieses Ziel lässt sich in der Lebensrealität nicht zu jedem Zeitpunkt und in vollem Umfang umsetzen.
Generell und insbesondere in dem durchaus in der Realität vorkommenden Bereich zwischen eindeutig pferdegerecht und nicht mehr pferdegerecht ist der Richter auf dem Vorbereitungsplatz mit seinem Sachverstand und seiner Erfahrung gefragt, um verantwortlich zu handeln!“ Die Kriterien decken die Art des Reitens, den Bewegungsablauf, den Rücken, das Maul, die Kopf-Hals-Haltung, das Auge, die Ohren, den Schweif, die Atmung, die Schweißbildung und die Ausrüstung ab und teilen ein in „Pferdegerecht: Kein Handlungsbedarf“, „Auffälligkeiten: Beobachten, Verlaufskontrolle“ und „Nicht pferdegerecht: Sofortiger Handlungsbedarf“.
Leitlinien zu Umgang und Nutzung von Pferden unter Tierschutzgesichtspunkten (BMEL)
Kapitel 4.1: Alle Pferde müssen schonend ausgebildet und langsam an ihre Aufgaben herangeführt werden. Die jeweiligen Schritte und Maßnahmen der Ausbildung müssen sich nach Alter, Entwicklungs- und Ausbildungsstand des einzelnen Pferdes richten. Sinnvolle Ausbildungsstufen sind auch Voraussetzung für bestmögliches Lernen und schonenden Aufbau der Leistungsfähigkeit. Verboten ist es nach § 3 des Tierschutzgesetzes
- einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen
- einem Tier, an dem Eingriffe und Behandlungen vorgenommen worden sind, die einen leistungsmindernden körperlichen Zustand verdecken, Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines körperlichen Zustandes nicht gewachsen ist
- an einem Tier im Training oder bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Maßnahmen, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind und die die Leistungsfähigkeit von Tieren beeinflussen können, sowie an einem Tier bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Dopingmittel anzuwenden
- ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind

erschienen im St.GEORG 3/2022

