Auf alles gut vorbereitet

Seit rund neun Jahren haben Gangpferdereiter die Möglichkeit, eine staatlich anerkannte Ausbildung zu absolvieren: zum Pferdewirt in der Fachrichtung Spezialreitweisen. Was sie in der Ausbildung lernen und welchen Nutzen dies für ihren beruflichen Werdegang hat, lesen Sie hier

Die Ausbildung zum Pferdewirt mit der Fachrichtung Spezialreitweisen ist seit Mitte 2010 ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf in Deutschland. Insgesamt gibt es fünf Fachrichtungen, wobei jene mit dem Titel „Klassische Reitausbildung“ sowie „Pferdehaltung und Service“ die am meisten gewählten sind.

Daneben gibt es die Fachrichtungen „Pferdezucht“, „Pferderennen“ und „Spezialreitweisen“ (die sich unterteilt in Gang- und Westernreiten) – eine Fachrichtung, die immer mehr Interesse findet bei Gangpferdereitern und die es erstmals möglich macht, sich in dieser Nische mit einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf zu etablieren.

Eine wichtige Entwicklung, denn es gibt rund 65.000 Gangpferde in Deutschland. Pferde, die geritten, ausgebildet werden müssen. Deren Besitzer Unterstützung brauchen – so professionell wie möglich.

„Es ist eine große Chance, die die Gangpferdereiter hier in Deutschland mit dieser staatlich anerkannten Ausbildung erhalten“, sagt Anna Krolow. Die 34-Jährige aus Baden-Baden verfügt über diverse Zertifikate und Trainer- sowie Ausbilderscheine im Gangpferdebereich, ist darüber hinaus staatlich geprüfte Pferdewirtschaftsmeisterin und bildet seit 2012 junge Menschen zu Pferdewirten in der Fachrichtung Spezialreitweisen mit dem Einsatzgebiet Gangpferdereiten aus.

Nicht nur sie, auch viele ihrer Kollegen und Kolleginnen sehen die Entwicklung, in Deutschland eine Ausbildung in dieser speziellen Nische des Reitsports zu machen, als positiv an. So auch Frauke Schenzel, 33 Jahre, Pferdewirtschaftsmeisterin auf dem familiengeführten Kronshof in der Lüneburger Heide. Sportlich hat sich die Ausbilderin mit mehreren Islandpferden aus eigener Zucht und Ausbildung ein Renommée aufgebaut, errang bereits diverse Weltmeistertitel im Vier- und Fünfgang. Der Betrieb, in dem ebenfalls die Fachrichtung Spezialreitweisen ausgebildet wird, bietet von allem etwas: Zucht und Aufzucht, Beritt, Reitunterricht, sportliche Förderung. Mit Inkrafttreten der neuen Verordnung über die Berufsausbildung zum Pferdewirt mit der Fachrichtung Spezialreitweisen im Jahr 2010 hat sich der Kronshof zum Ziel gesetzt, junge Menschen zu qualifizierten Berufsausbildern zu machen. „Für den Markt hier in Deutschland ist es sehr wichtig, gute Ausbilder zu haben und dazu möchten wir gern beitragen“, beschreibt Frauke Schenzel ihre Motivation.

Wie läuft die Ausbildung ab?
Einer von vielen Vorteilen einer staatlichen Ausbildung ist, dass die Inhalte in einer allgemein für das ganze Land verbindlichen Verordnung niedergeschrieben sind – es muss also jeder annähernd das Gleiche lernen und in der Prüfung dann zeigen. Damit ist bei staatlicher Ausbildung eine relative Vergleichbarkeit gegeben und, viel wichtiger noch, es wird ein bestimmtes, verbindliches Niveau als Ausbildungsziel festgelegt. Die Ausbildung dauert im Regelfall drei Jahre und ist dual: Der Auszubildende lernt die tägliche Routine rund ums Pferd, um das Reiten, die Unterrichtserteilung und vieles mehr im Betrieb. Mittlerweile gibt es diverse Betriebe, die in der Fachrichtung Spezialreitweisen ausbilden. Eine genaue Auskunft darüber, ob der Betrieb, in dem man seine Ausbildung machen möchte, hierfür alle nötigen Voraussetzungen erfüllt, kann die jeweilige Zuständige Stelle (Landwirtschaftskammer/Regierungspräsidium des Bundeslandes) erteilen.

Daniela Gehmacher hätte sich gewünscht, dass es schon zu ihren Jugend-Zeiten einen staatlich anerkannten Weg gegeben hätte: Als sich die heute 53-Jährige entschied, im Umfeld von Islandpferden und dem Gangpferdereiten ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gab es diese Möglichkeit noch nicht. „Ich habe alle möglichen Amateur-Zertifikate absolviert und mich in vielen Bereichen eigeninitiativ weitergebildet. Aber das ist trotzdem etwas anderes als eine staatlich anerkannte Berufsprüfung!“

Berufsschule
Die Pferdewirt-Ausbildung vermittelt nicht nur im täglichen Betrieb viel Wissen, sondern darüber hinaus geht es für die Auszubildenden regelmäßig in die Berufsschule. Dort wird in diversen Fächern hippologisches Wissen vertieft, es wird über Haltung, Fütterung, Ernährung des Pferdes gesprochen, über Umgang mit Kunden und über den strukturierten Aufbau einer Reitstunde. Weiterhin stehen Fächer wie Rechnungswesen und Betriebswirtschaftslehre auf dem Programm – hier wird wichtiges Wissen für das spätere, eigenständige Berufsleben vermittelt „Der Aufbau der Ausbildung mit dem dualen System aus Praxis und Schule ist sehr umfangreich und das ist gut so“, sagt Frauke Schenzel. „Es geht nicht nur darum, Gangpferde gut auszubilden. Innerhalb der Ausbildung werden alle Facetten, die für ein späteres erfolgreiches Berufsleben nötig sind, gelehrt. Es ist wichtig, auch Kenntnisse darüber zu erwerben, wie man mit Kunden umgeht und wie man Reitunterricht erfolgreich gestaltet und vieles mehr.“ Darin sieht Schenzel einen großen Vorteil.

Alternativen zur staatlichen Ausbildung
Während es in Deutschland seit fast zehn Jahren die Möglichkeit gibt, eine dreijährige Ausbildung in dieser speziellen Nische zu machen, setzt das Ursprungsland des am weitesten verbreiteten Gangpferdes, des Isländers, auf ein Pferde-Studium: In Island gibt es die Möglichkeit, ein dreijähriges Studium zu absolvieren und dann den Bachelor-Abschluss zu machen. Allerdings werden Studiengebühren erhoben und man muss Isländisch oder mindestens fließend Englisch sprechen können, um den Inhalten, die anspruchsvoll und vielseitig sind, folgen zu können. Sowohl in Theorie als auch in der Praxis wird in Island umfangreich ausgebildet.

Die Pferdewirtschaftsmeisterin Anna Krolow sieht darin zwar auch Vorteile, vertritt aber gleichzeitig den Standpunkt, dass die hiesige Pferdewirt-Ausbildung in der Fachrichtung Spezialreitweisen ebenso diverse Vorteile aufweisen kann – und dass sie für das Leben und Arbeiten in diesem Land sehr zielführend ist: „Die Ausbildung nach deutscher Verordnung ist so gestaltet und strukturiert, dass der fertige Pferdewirt sehr gut aufgestellt ist für sein weiteres Berufsleben in Deutschland, und wir haben eine breite Palette an Reitern hier. Der angehende Pferdewirt mit der Fachrichtung Spezialreitweisen lernt nicht nur die typischen Besonderheiten dieses Berufsbildes, sondern darüber hinaus erlangt er breit gefächertes Pferdewissen und wird auch in Themen wie Unterrichtserteilung, Kundenbetreuung und Betriebsführung geschult. Ihm wird im Rahmen der Ausbildung das wesentliche Handwerkszeug mitgegeben, um hier in Deutschland erfolgreich in der Gangpferdebranche arbeiten zu können.“ Darüber hinaus sind deutsche Ausbilder, egal welcher Fachrichtung, auch im Ausland gefragte Experten.

Besonders wichtig findet es Daniela Gehmacher, dass die angehenden Pferdewirte in der Fachrichtung Spezialreitweisen nicht nur im praktischen Reiten (Ausbildung von Pferden) eine Prüfung ablegen müssen, sondern auch in dem Fach der Unterrichtserteilung. „Die Praxis hat schon lange gezeigt, dass die Mehrheit der Berufsausbilder nicht nur mit Beritt, sondern mit gutem Reitunterricht ihr Auskommen sichert“, weiß Gehmacher aus Erfahrung.

Nach Inkrafttreten der Verordnung über die Berufsausbildung zum Pferdewirt im Juni 2010 beschlossen zeitnah auch die wichtigen Gangpferde-Verbände IPZV (Islandpferde-Zuchtverband) und IGV (Internationale Gangpferde-Vereinigung), den Pferdewirten mit der Fachrichtung Spezialreitweisen nach bestandener Abschlussprüfung gleichzeitig seine Trainer-C-Lizenz zu erteilen. „Ein wichtiger und richtiger Schritt“, meint Anna Krolow. Die klare Unterteilung verbandlicher und staatlicher Ausbildung bietet immer wieder Diskussionsstoff, auch in anderen Fachrichtungen. Klar ist: Beide haben wichtige Ziele – aber eben unterschiedliche. In Ermangelung einer staatlichen Ausbildung füllt jetzt seit einigen Jahren die Pferdewirt-Ausbildung mit der Fachrichtung Spezialreitweisen eine wichtige Lücke mit höchstem Qualitätsanspruch.

Da die Prüfungsgestaltung zum Pferdewirt zwar in einer Verordnung bundesweit geregelt ist, aber im Detail dann eben doch in die Länderhoheit fällt, gibt es mehrere zuständige Stellen der Länder, die die Prüfung zum Pferdewirt Fachrichtung Spezialreitweisen abnehmen – mit dem Vorteil, dass die Prüflinge es nicht weit haben zum Prüfungsort, aber mit dem Nachteil, dass eine bundesweite Vergleichbarkeit der Abschlussprüfungen, so wie es derzeit nur in der Fachrichtung Klassische Reitausbildung gestaltet ist, nur bedingt möglich ist (in Klassischer Reitausbildung ist die zentrale Prüfstelle Warendorf, NRW, dazu München/Bayern).

Das Regierungspräsidium Baden-Württembergs findet Anna Krolow da vorbildlich: „Es ist auch möglich, aus einem benachbarten Bundesland zu kommen und in Baden-Württemberg die Pferdewirt-Prüfung in der Fachrichtung Spezialreitweisen abzulegen, zum Beispiel aus Hessen oder aus dem Saarland.“ Sie befürwortet eher zentrale Prüfungsorte, wie es bei den Pferdewirten mit der Fachrichtung Klassische Reitausbildung üblich ist. Der große Vorteil, den Anna Krolow darin sieht, ist die Qualitätssicherung dieses Berufes. „Es wäre ein Traum, wenn auch die Prüfungsergebnisse unserer Fachrichtung damit noch vergleichbarer werden“, sagt sie.

Abschlussprüfung und Prüfungsinhalte
Die Abschlussprüfung zum Pferdewirt mit der Fachrichtung Spezialreitweisen (im Gangpferdereiten) wird unterteilt in insgesamt fünf Prüfungsbereiche.

Pferdehaltung und GesundheitAusbildung von PferdenAusbildung und Beratung von Reitern und ReiterinnenPlanung und OrganisationWirtschafts- und Sozialkunde.
Jeder Prüfungsbereich umfasst diverse Themenfelder, so gehört unter anderem der gesamte Wissensbereich der Fütterung, das Beurteilen von Futter, das Zusammenstellen von Futterrationen etc. genauso dazu wie das große Feld der Pferdekrankheiten und der Umgang damit. Besonders wichtig auch der Bereich Pferdehaltung, in dem es um artgerechte Haltung geht, um alle Facetten der Weide-, Offenstall-, Aktivstall- oder weiterer Pferdehaltung, Weide- und Stallpflege und -klima etc. Bei jedem Prüfungsfach wird großer Wert darauf gelegt, dass nicht auswendig gelerntes Wissen aufgesagt wird, sondern dass der Prüfling durch selbstständiges Verknüpfen einzelner Wissensbereiche seine berufliche Kompetenz und Handlungsfähigkeit unter Beweis stellt.

Die ersten drei Bereiche werden praktisch geprüft und zählen zu je 20 Prozent in der Abschlussnote. Der Prüfling erhält jeweils eine Arbeitsaufgabe, und hat insgesamt pro Prüfbereich 60 Minuten Zeit, diese Arbeit unter Berücksichtigung seiner Fachkenntnisse zu gestalten. Die letzte Viertelstunde erläutert er den Prüfern in einem Fachgespräch, auf welcher Grundlage er gehandelt hat.

Die Aufgabenstellungen in den jeweiligen Prüfungsbereichen sind komplex und fragen ab, ob der Prüfling nicht nur Wissen angesammelt hat, sondern auch dazu in der Lage, verschiedenste Wissensbereiche miteinander zu verknüpfen und aus Zusammenhängen heraus komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen. In der Ausbildung von Pferden zum Beispiel muss er dazu in der Lage sein, Pferde an der Hand und unter dem Sattel nach den Kriterien der Skala der Ausbildung vorzustellen und seine Vorgehensweise zu begründen. Dieser Themenbereich gilt als so genanntes Sperrfach: Hier muss der Prüfling mindestens die Note „ausreichend“ schaffen, sonst ist er, egal wie gut die anderen Teilbereiche bewertet werden, durchgefallen.

Ebenso viel Wert wird auf das Themenfeld der Unterrichtserteilung gelegt. Die Beratung von Kunden, die Auswahl passender Pferde und Ausrüstungen, die Planung von Ausbildungswegen und das Unterrichten selbst sind wesentliche Teilbereiche dieses weiten Feldes.

In den Prüfungsbereichen „Planung und Organisation“ (zählt am Ende 30 Prozent in der Abschlussnote) sowie „Wirtschafts- und Sozialkunde“ (10 Prozent) werden 120- bzw. 60-minütige schriftliche Arbeiten angefertigt, in denen berufstypische Aufgaben bearbeitet werden müssen. Beispielsweise die Planung und der Einsatz von 20 Schulpferden in der Feriensaison oder der Heubedarf eines 50-Pferde-Stalles bei Offenstallhaltung oder die Kostenkalkulation eines Schulpferdes.

Berufsständische Unterstützung
Einer großen Gemeinschaft anzugehören, die seine Interessen vertritt, ist immer gut. So können auch die Pferdewirte mit der Fachrichtung Spezialreitweisen der Bundesvereinigung der Berufsreiter (BBR) beitreten – einer Interessensgemeinschaft mit knapp 5000 Mitgliedern, die sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Pferdewirte und deren Anliegen zu unterstützen. Die BBR entwickelt und organisiert zum Beispiel Fortbildungen, unter anderem auch zur Vorbereitung für die Abschlussprüfung, und trägt damit entscheidend dazu bei, dass eine Qualitätssicherung stattfindet. Gegenüber Verbänden und Behörden setzt sich die BBR für die Besonderheiten und Belange der Berufsreiter ein, engagiert sich in Bildung (z.B. Mitarbeit an der Verordnung über die Berufsausbildung) und Politik (z.B. Thema Pferdesteuer, Tierschutz).
Erst kürzlich hat auf Anregung der BBR eine erste Fortbildungsmaßnahme zum „EM-Bewegungstrainer Spezialreitweisen“ stattgefunden – eine Fortbildung, die sich intensiv mit handlungsorientiertem Reitunterricht und der Verbesserung von Sitz und Einwirkung des Reiters befasst. Im kommenden Jahr soll bei der Delegiertenwahl wesentlich stärker gefördert werden, dass auch Delegierte aus den Fachbereichen Spezialreitweisen/Gangpferdereiten vertreten sind. „Es ist gut, so einen starken Verband hinter sich zu wissen“, bestätigt auch Anna Krolow.

Voraussetzungen für den Beruf
Wer als Pferdewirt mit der Fachrichtung Spezialreitweisen langfristig seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, tut gut daran, sich mit der staatlich anerkannten Ausbildung zu beschäftigen und für sich abzuwägen, ob dies eine gute Option für ihn wäre. Wie in jedem Pferde- und Tierberuf allgemein ist klar: Wer nicht bereit ist, auch mal zu ungewöhnlichen Zeiten zu arbeiten – am Wochenende oder auch abends, wenn andere Leute ihrem Hobby nachgehen – und wessen Herz nicht für die Pferde schlägt, der wird in diesem Beruf, der körperlich und zeitlich einiges verlangt, nicht glücklich werden. Das Verständnis dafür, dass das Wohl der Pferde an erster Stelle steht, muss vorhanden sein.

Denn es gehört neben der Leidenschaft und Pferdeliebe noch weit mehr dazu, um diesen Beruf über viele Jahre zu nutzen, um davon zu leben. „Umfangreiches Pferdewissen und reiterliches Können sollte man in dieser Fachrichtung schon mitbringen, für einen Start bei „Null“ ist dann sogar die dreijährige Ausbildung zu kurz“, betont Frauke Schenzel.